Küsterin  

 


 

 

Katja Reindl

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Als der liebe Gott die Küsterin schuf...

... machte er bereits am sechsten Tag Überstunden.
Da erschien ein Engel und sagte; „Herr, ihr bastelt aber lange an dieser Figur!
Der liebe Gott sprach: „Hast du die speziellen Wünsche auf der Bestellung gesehen? Sie soll pflegeleicht sein, sie soll 160 bewegliche Teile haben, sie soll Nerven wie Drahtseile haben und einen Rücken, auf dem sich alles abladen lässt. Sie soll nach Möglichkeit in allen Handwerksberufen zu Hause sein und mindestens sechs Paar Hände haben.

Da schüttelte der Engel den Kopf und sagte: „Sechs Paar Hände, das wird kaum gehen!
„Die Hände machen mir keine Kopfschmerzen", sagte der liebe Gott, „aber die drei Paar Augen, die eine Küsterin haben muss." 
„Gehören die denn zum Standardmodell?", fragte der Engel.

Der liebe Gott nickte:

„Ein Paar, das das ganze Jahr über das Kirchengelände im Blickfeld hat.

Ein weiteres Paar am Hinterkopf, mit dem sie sieht, was sie nicht sehen soll, aber was sie wissen muss.
Und natürlich noch zwei Augen, die die Gemeindemitglieder ansehen und sagen: `ich verstehe euch´."
„Oh Herr!", sagte der Engel und zupfte ihn leise am Ärmel, „Geht schlafen und macht morgen weiter"

„Ich kann nicht", sagte der liebe Gott, „denn ich bin nahe dran, etwas zu schaffen, das mir einigermaßen ähnelt. Ich habe es bereits geschafft, dass sie sich selbst heilt, wenn sie krank ist, dass sie ältere Menschen genauso versteht wie Jugendliche und zu allen Gemeindemitgliedern gleich freundlich ist.

Der Engel ging langsam um das Modell herum. „Zu weich", seufzte er.
„Aber zäh", sagte der liebe Gott energisch. „Du glaubst gar nicht, was die Küsterin alles leisten und aushalten kann!"
„Kann die Figur denken?", fragte der Engel. „Nicht nur denken, sondern sogar urteilen und Kompromisse schließen", sagte der liebe Gott „und vergessen."
Schließlich beugte sich der Engel vor und fuhr mit dem Finger über die Wange des Modells. „Da ist ein Leck", sagte er. „Ich habe euch ja gleich gesagt, ihr versucht zu viel in das Modell hinein zu packen."

„Das ist kein Leck", sagte der liebe Gott, „das ist eine Träne." „Wofür ist sie?" „Sie fließt bei Freude, Trauer, Enttäuschung, Schmerz und Verlassenheit." „Ihr seid ein Genie!", sagte der Engel.

Da blickte der liebe Gott versonnen auf: „Die Träne", sagte er, „ist das Überlaufventil“

(Quelle unbekannt)